Langsamkeit und Entschleunigung im Beruf

Globale Mobilität ist heute kein Novum mehr, es ist ein Status, der für Business-Leute als völlig normal eingetaktet wird. Umso erstaunlicher war es zu lesen, dass neulich eine Konferenz in Singapur abgehalten wurde, bei dem das Thema "Stille" proklamiert wurde.  Stille? Kein Trubel, keine Show, kein aufgeblasenes Marketing-Event, sondern einfach nur mal abschalten und Ruhe geben? Ist das der neueste Trend? Gut möglich. Denn je hektischer die Zeiten, je schneller die digitale Kommunikation und je größer der Drang, allzeit erreichbar zu sein, umso ausgeprägter wird der Wunsch, das alles einmal hinter sich zu lassen und abzuschalten. Und das gilt nicht nur für ruhebedürftige Werbechefs.

Warum sich nicht einfach der permanenten Erreichbarkeit verweigern?

Immer mehr Manager koppeln sich ab. Das ist wirklich neu! Heute kann man per Freedom Software stundenweise seinen Internetzugang blockieren.  Viele flüchten übers Wochenende auf Land oder in ein Kloster.  Die Landflucht ist ungebremst, Foren wie Landlust-Landleben machen Furore. Gerade im gehobenen Management angesiedelte, ziehen auf Bauernhöfe, in die Einöde und weit weg aus den Großstädten.  Viele buchen sich in teure "black-hole-Hotels" ein.  Dort bezalt man dafür, dass man nicht erreichbar ist, keinen Fernseher und schon garkeinen Internet-Zugang hat!  Klingt das nicht verrückt?

Viel mehr Zeit und viel mehr Einsichten

Langsamkeit und Entschleunigung im Berufsleben und im Job - das wäre vor ein paar Jahren noch ein absolutes "no go" gewesen - heute empfinden es viele, gerade Top-Manager als "have must".   Um einem burnout vorzubeugen und präsent zu bleiben, gibt es fast keinen anderen Weg mehr.  Langsamkeit ist ein Begriff , der heute nicht mehr negativ belegt ist.  Er bedeutet im Grunde nur, dass man sich wieder auf das Wesentliche besinnt und wieder einen Gang zurückschaltet.  Entschleunigung bedeutet, wieder mehr Zeit für wirklich konkrete Pläne und deren Realisation zu haben.  Viele Karrieremenschen haben ihre Zeitschriftenabos gekündigt, sich von Radio und Fernseher getrennt und haben die News-Apps vom iPhone gelöscht.  Die meisten News sind störend, irritierend und irrelevant.  Man versäumt eigentlich nichts.  Gespräche mit Freunden und Kollegen sind häufig weitaus relevanter. Man kommt zu neuen Erkenntnissen und Einsichten als auch zu Entscheidungen und gewinnt eine Menge Zeit.

Die ständige Hetze stellt alles infrage

Jeder für sich hat erkannt, dass er mehr Ruhe haben möchte.  Wir sehen uns nach mehr Zeit und Muße. Zeit zum Denken und Reflektieren. Wir wollen neue Perspektiven entwickeln und neue Prioritäten setzen.  Wir haben es satt - bis oben hin -uns ständig im sich immer schneller drehenden Hamsterrad zu bewegen.

Es geht uns allen um viel mehr als nur um ein bisschen Wellness für die gestresste Seele.  Wir wollen wieder Zeit für das Wesentliche finden. Das Wesentliche kann sich im Arbeitsleben genauso wie im Familienleben manifestieren.  Ein großer und schwerer Spagat.  Denken Sie einmal nur an unsere Politiker.  Ich will an dieser Stelle keine Lanze für sie brechen. Aber fairerweise muss man feststellen, dass sie unter einem entsetzlichen Druck stehen.

Sie sollen möglichst weitreichende zukunftsfähige Gesellschaftsmodelle entwerfen - und haben dafür absolut nicht die nötige Zeit.  Der ehemalige SPD Vorsitzende Franz Müntefering sagte einmal in einem Interview: "Mit der Geschwindigkeit der Finanzmärkte kann die Politik schlicht nicht mehr mithalten, deshalb müssen wir Tempo rausnehmen.  Wenn ein Parlament vor wichtigen Entscheidungen keine Zeit mehr hat zu diskutieren und nachzudenken, dann werden die autokratischen Systeme gewinnen, die auf niemanden Rücksicht nehmen"..


Langsamkeit im Beruf und Entschleunigung im Job nicht nur in der Politik 

Eine Entschleunigung wäre nicht nur in der Politik ratsam. Auch die Wirtschaft leidet unter den negativen Folgen der Hektik.  Sehen wir uns die Statistiken an. In den letzten 15 Jahren haben sich die psychischen Erkrankungen mehr als verdoppelt.  Das führt jährlich zu Produktionsausfällen in Höhe von ca. 10 Milliarden Euro. Auch die "grünen Bananen", also unausgereifte Produkte, die trotz des Wissens darum, auf den Markt geworfen werden, wie fehlerhafte Bremsen oder ähnliches, würden dann dem Image der einzelnen Hersteller nicht mehr schaden.   Langsamkeit und Entschleunigung sind also nicht nur inflationär gebrauchte Synonyme für "Erneuerung und Umdenken".  

 

 

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